Internationale Referenzwerte zur Greifkraft

Studien zur Chiropraktik #25/2

Ergänzender Beitrag zur prognostischen Bedeutung der Handgreifkraft für die Gesundheit.

Im Beitrag Studien zur Chiropraktik 25/1 haben wir uns in der vergangenen Woche mit der Frage beschäftigt, in welchem Zusammenhang die Handgreifkraft mit langfristigen gesundheitlichen Endpunkten wie kardiovaskulären Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, funktionellen Einschränkungen und kognitivem Abbau steht. Die aktuelle Forschung zeigt, dass die Handgreifkraft als funktioneller Gesundheitsmarker zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Doch aus der prognostischen Relevanz eines Messwertes ergibt sich unmittelbar eine weitere klinische Fragestellung:

Wann ist eine Greifkraft als niedrig, durchschnittlich oder überdurchschnittlich einzustufen – und welche Referenzwerte sind für die Beurteilung eines individuellen Patienten geeignet?

Eine umfangreiche systematische Übersichtsarbeit von Tomkinson und Kollegen, veröffentlicht 2025 im Journal of Sport and Health Science, liefert hierzu eine wichtige Datengrundlage. Die Autoren entwickelten internationale Referenzwerte für die Handgreifkraft auf Basis von Daten aus 69 Ländern und Regionen mit insgesamt mehr als 2,4 Millionen Erwachsenen.

Für medizinische Fachkreise ist diese Arbeit besonders relevant, weil sie die epidemiologische Bedeutung der Greifkraft um eine wichtige klinische Komponente ergänzt: die alters- und geschlechtsspezifische Einordnung individueller Messwerte.

1. Eine internationale Referenzbasis mit mehr als 2,4 Millionen Erwachsenen

Die Studie mit dem Titel International norms for adult handgrip strength: a systematic review of data on 2.4 million adults aged 20 to 100+ years from 69 countries and regions untersuchte die Verteilung der Handgreifkraft bei Erwachsenen unterschiedlicher Altersgruppen und Geschlechter.

Insgesamt wurden 100 eigenständige Beobachtungsstudien mit 2.405.863 Erwachsenen berücksichtigt. Der Frauenanteil lag bei 51,9 %. Die eingeschlossenen Daten stammten aus Messungen, die ab dem Jahr 2000 durchgeführt worden waren.

Ziel war es, internationale Referenzwerte bereitzustellen, die einen Vergleich individueller Greifkraftmessungen mit alters- und geschlechtsspezifischen Referenzpopulationen ermöglichen.

Die Autoren stellten die Ergebnisse anhand von Perzentilen dar und entwickelten geglättete Referenzkurven. Dadurch lässt sich die Verteilung der Greifkraft über unterschiedliche Lebensphasen hinweg beschreiben.

Die Größe der untersuchten Population ist dabei ein wesentlicher Vorteil: Sie ermöglicht eine umfassende Darstellung altersabhängiger Veränderungen und schafft eine breitere Referenzbasis als viele kleinere Einzelstudien.

Allerdings bedeutet eine große Stichprobe nicht automatisch, dass die Referenzwerte für jede klinische Population gleichermaßen repräsentativ sind. Unterschiede zwischen Ländern, untersuchten Bevölkerungsgruppen und Messprotokollen müssen bei der Interpretation weiterhin berücksichtigt werden.

2. Wie verändert sich die Greifkraft im Laufe des Lebens?

Eine zentrale Erkenntnis der Untersuchung betrifft den altersabhängigen Verlauf der Handgreifkraft.

Im Durchschnitt nahm die absolute Greifkraft im frühen Erwachsenenalter zunächst nur geringfügig zu. Die höchsten durchschnittlichen Werte wurden in der Altersgruppe zwischen 30 und 39 Jahren beobachtet. Anschließend zeigte sich ein altersabhängiger Rückgang, der sich vom mittleren bis zum höheren Erwachsenenalter beschleunigte.

Die höchsten durchschnittlichen absoluten Greifkraftwerte in dieser Altersgruppe lagen bei:

GeschlechtDurchschnittliche absolute Greifkraft im Alter von 30–39 Jahren
Männer47,8 kg
Frauen29,7 kg

Diese Werte beschreiben die durchschnittlichen Spitzenwerte der untersuchten Referenzpopulationen und sind keine diagnostischen Grenzwerte.

Der altersabhängige Verlauf verdeutlicht, warum die Interpretation eines Greifkraftwertes ohne Berücksichtigung des Alters problematisch sein kann. Ein Messwert, der bei einer jüngeren Person vergleichsweise niedrig ausfällt, kann bei einer älteren Person innerhalb eines anderen Referenzbereichs liegen.

Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass altersassoziierte Veränderungen der Greifkraft nicht ausschließlich auf den Verlust von Muskelmasse zurückzuführen sind. Auch Veränderungen der neuromuskulären Funktion, Erkrankungen, körperliche Inaktivität und weitere physiologische Faktoren können eine Rolle spielen.

Für die klinische Praxis ergibt sich daraus die Notwendigkeit, individuelle Messwerte stets im Kontext der jeweiligen Altersgruppe und des gesamten klinischen Befundes zu betrachten.

3. Absolute Greifkraft oder körpergrößenbezogene Greifkraft?

Die Studie betrachtet nicht nur die absolute Greifkraft, sondern auch eine auf die Körpergröße bezogene Kennzahl.

Diese Unterscheidung ist für die klinische Interpretation relevant.

Absolute Greifkraft

Die absolute Greifkraft wird üblicherweise in Kilogramm angegeben und beschreibt die gemessene Kraft, die mit einem Dynamometer erzeugt wird.

Sie ist einfach zu erfassen und eignet sich für die unmittelbare Dokumentation der Kraftleistung.

Allerdings wird sie unter anderem durch Alter, Geschlecht, Körpergröße, Körpermasse und weitere anthropometrische Faktoren beeinflusst.

Auf die Körpergröße normierte Greifkraft

Zusätzlich untersuchten Tomkinson und Kollegen die Greifkraft im Verhältnis zum Quadrat der Körpergröße:

Greifkraftindex = Greifkraft in kg / Körpergröße in m²

Die resultierende Einheit ist kg/m².

Für diese Kennzahl wurden in der Altersgruppe von 30 bis 39 Jahren folgende durchschnittliche Spitzenwerte berichtet:

GeschlechtGreifkraft relativ zur quadrierten Körpergröße
Männer16,3 kg/m²
Frauen11,3 kg/m²

Die Normierung soll die Vergleichbarkeit zwischen Personen unterschiedlicher Körpergröße verbessern. Sie beseitigt jedoch nicht sämtliche anthropometrischen Unterschiede und ist nicht automatisch für jede klinische Fragestellung die geeignetere Kennzahl.

Insbesondere sollte die auf die Körpergröße normierte Greifkraft nicht mit der absoluten Greifkraft gleichgesetzt werden. Beide Maße beschreiben unterschiedliche Aspekte und müssen entsprechend ihrer jeweiligen Referenzwerte interpretiert werden.

Für eine klinische Untersuchung ist es daher sinnvoll, die verwendete Kennzahl ausdrücklich zu dokumentieren und bei Verlaufsmessungen möglichst konsistent zu bleiben.

4. Was bedeuten Perzentile für die klinische Beurteilung?

Ein wesentlicher Beitrag der Studie besteht in der Darstellung internationaler Referenzwerte anhand von Perzentilen.

Perzentile beschreiben die relative Position eines Messwertes innerhalb einer Referenzpopulation.

Ein Wert am 50. Perzentil entspricht dem Median: Die eine Hälfte der Referenzpopulation weist niedrigere und die andere Hälfte höhere Werte auf.

Ein Wert am 10. Perzentil liegt dagegen im unteren Bereich der Verteilung. Er bedeutet, dass ungefähr 10% der Referenzpopulation niedrigere Werte aufweisen.

Die Autoren stellen Referenzwerte vom 5. bis zum 95. Perzentil bereit.

Für die klinische Praxis ist diese Darstellung hilfreich, weil sich individuelle Messwerte damit differenzierter einordnen lassen als anhand eines einzigen universellen Grenzwertes.

Dabei gilt allerdings eine wichtige Einschränkung:

Ein niedriger Perzentilrang ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer Erkrankung.

Referenzperzentile beschreiben zunächst die statistische Verteilung eines Messwertes. Sie definieren nicht zwangsläufig einen krankhaften Zustand und geben für sich genommen keine Auskunft über das individuelle Risiko für eine bestimmte Erkrankung.

Für die Beurteilung eines Patienten müssen daher zusätzlich die klinische Fragestellung, die funktionellen Fähigkeiten, bestehende Beschwerden und relevante Begleiterkrankungen berücksichtigt werden.

5. Warum standardisierte Messbedingungen entscheidend sind

Die Aussagekraft der Greifkraftmessung hängt nicht allein von der Qualität der Referenzwerte ab. Auch die Durchführung der Messung beeinflusst das Ergebnis.

Unterschiede in der Körperposition, der Handgelenksstellung, der Geräteeinstellung oder der Zahl der Versuche können die Vergleichbarkeit beeinträchtigen.

Für die klinische Praxis empfiehlt sich deshalb ein möglichst standardisiertes Vorgehen.

Zu dokumentieren sind insbesondere:

  • das verwendete Dynamometer und gegebenenfalls die Griffweiteneinstellung
  • die Körperposition während der Messung
  • die untersuchte Hand beziehungsweise die untersuchten Hände
  • die Anzahl der Versuche
  • die verwendete Ergebnisdefinition, beispielsweise der höchste Wert oder der Mittelwert
  • relevante Schmerzen oder funktionelle Einschränkungen während der Messung

Auch die Händigkeit sollte berücksichtigt werden. Die dominante und die nicht dominante Hand können unterschiedliche Kraftwerte aufweisen.

Bei der Auswahl geeigneter Referenzwerte ist zudem zu prüfen, ob diese auf einem vergleichbaren Messprotokoll beruhen.

Eine Verlaufsmessung ist besonders aussagekräftig, wenn sie unter möglichst identischen Bedingungen durchgeführt wird. Dadurch lassen sich methodisch bedingte Schwankungen reduzieren und Veränderungen besser einordnen.

6. Welche Bedeutung hat die Studie für die Chiropraktik?

Die internationale Referenzarbeit von Tomkinson und Kollegen ergänzt die zuvor diskutierte Forschung zur prognostischen Bedeutung der Greifkraft um eine praktische Dimension.

Während epidemiologische Studien untersuchen, wie Greifkraftwerte mit langfristigen Gesundheitsendpunkten assoziiert sind, stellt sich in der klinischen Versorgung die Frage, wie ein konkreter Messwert bei einem einzelnen Patienten zu bewerten ist.

Für die chiropraktische Praxis ergeben sich daraus mehrere potenzielle Anwendungsbereiche:

Ergänzung der funktionellen Befunderhebung

Bei geeigneten klinischen Fragestellungen kann die Greifkraft als objektiver Parameter in die Untersuchung integriert werden.

Sie kann zusätzliche Informationen über die Kraftleistung der oberen Extremität liefern. Insbesondere bei Beschwerden an Hand, Handgelenk oder Unterarm kann eine standardisierte Messung helfen, die Kraftfunktion zu dokumentieren.

Allerdings ist zu beachten, dass lokale Schmerzen, Sehnenbeschwerden, Arthrose oder neurologische Einschränkungen den Messwert reduzieren können. Eine niedrige Greifkraft muss daher nicht Ausdruck einer verminderten allgemeinen Muskelkraft sein.

Objektivierung des Verlaufs

Bei wiederholten Messungen kann die Greifkraft dazu beitragen, Veränderungen der Kraftleistung im zeitlichen Verlauf zu erfassen.

Dies kann beispielsweise bei der Dokumentation funktioneller Einschränkungen oder bei der Verlaufskontrolle im Rahmen eines umfassenderen Behandlungs- und Rehabilitationskonzeptes sinnvoll sein.

Ein veränderter Messwert sollte allerdings immer im Zusammenhang mit Beschwerden, funktionellen Fähigkeiten und den jeweiligen Messbedingungen interpretiert werden.

Einordnung im Kontext der allgemeinen Gesundheit

Die Kombination aus standardisierter Messung und alters- beziehungsweise geschlechtsspezifischen Referenzwerten ermöglicht eine differenziertere Einordnung der Greifkraft.

Bei auffällig niedrigen Werten kann es sinnvoll sein, die weitere körperliche Funktion zu untersuchen und gegebenenfalls medizinische Ursachen abzuklären.

Die Referenzstudie selbst belegt jedoch nicht, dass eine Greifkraftmessung als routinemäßiges Screening in der chiropraktischen Praxis zu besseren Behandlungsergebnissen führt. Sie liefert vielmehr eine wichtige Grundlage für die Interpretation des Messwertes.

7. Wie lässt sich die Referenzstudie mit der prognostischen Forschung verbinden?

Die Bedeutung der Arbeit wird besonders deutlich, wenn man sie gemeinsam mit der zuvor besprochenen Literatur betrachtet:

Die zuletzt besprochene systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2026 untersuchte Zusammenhänge zwischen einfachen Muskelfunktionstests und verschiedenen langfristigen Gesundheitsendpunkten.

Tomkinson und Kollegen stellen dagegen internationale Referenzwerte zur Verfügung, anhand derer sich die Greifkraft innerhalb alters- und geschlechtsspezifischer Verteilungen einordnen lässt.

Beide Arbeiten beantworten somit unterschiedliche, aber miteinander verbundene Fragen:

FragestellungWissenschaftlicher Beitrag
Welche Bedeutung hat die Greifkraft für die langfristige Gesundheit?Epidemiologische Studien und Metaanalysen zu Gesundheitsendpunkten
Wie lässt sich ein individueller Messwert einordnen?Alters- und geschlechtsspezifische Referenzwerte
Wie können Veränderungen dokumentiert werden?Standardisierte Messprotokolle und wiederholte Messungen
Welche Konsequenzen ergeben sich für die klinische Versorgung?Integration des Messwertes in eine umfassende funktionelle Untersuchung

Die Kombination dieser Perspektiven ist wichtig, um die Greifkraft weder zu unterschätzen noch zu überinterpretieren.

Eine niedrige Greifkraft kann ein Hinweis auf eine verminderte körperliche Funktion sein. Ob sie zugleich einen prognostisch ungünstigen Gesundheitsmarker darstellt, hängt jedoch von weiteren Faktoren ab. Ebenso lässt sich aus einem niedrigen Perzentilrang allein keine individuelle Erkrankungswahrscheinlichkeit ableiten.

Die Referenzwerte ermöglichen die statistische Einordnung des Messwertes; die klinische Bedeutung muss anhand der individuellen Situation beurteilt werden.

Fazit: Referenzwerte schaffen Orientierung, ersetzen aber keine klinische Beurteilung

Die internationale systematische Übersichtsarbeit von Tomkinson und Kollegen liefert eine umfangreiche Referenzbasis für die Handgreifkraft bei Erwachsenen. Mit Daten von mehr als 2,4 Millionen Menschen aus 69 Ländern und Regionen ermöglicht sie eine differenzierte Betrachtung alters- und geschlechtsspezifischer Kraftverteilungen.

Die Ergebnisse bestätigen einen charakteristischen Verlauf über die Lebensspanne: Die Greifkraft erreicht im frühen bis mittleren Erwachsenenalter ihre höchsten durchschnittlichen Werte und nimmt anschließend ab. Die Geschwindigkeit dieses Rückgangs verändert sich mit zunehmendem Alter.

Für die chiropraktische neuro-muskuloskelettale Versorgung liegt der praktische Nutzen vor allem in der standardisierten Erfassung und differenzierten Einordnung der Greifkraft.

In Verbindung mit der Forschung zur prognostischen Bedeutung von Muskelkraft ergibt sich daraus ein schlüssiger Ansatz: Die Greifkraft kann ein nützlicher ergänzender Parameter der funktionellen Untersuchung sein, sofern Messung, Referenzwerte und klinischer Kontext gemeinsam berücksichtigt werden.

Entscheidend bleibt, zwischen statistischer Auffälligkeit, funktioneller Einschränkung und tatsächlicher Erkrankung zu unterscheiden. Internationale Referenzwerte unterstützen die klinische Beurteilung, ersetzen jedoch weder die individuelle Untersuchung noch eine umfassende medizinische Risikoeinschätzung.

Quelle

Tomkinson GR, Lang JJ, Rubín L, McGrath R, Gower B, Boyle T, Klug MG, Mayhew AJ, Blake HT, Ortega FB, Cadenas C, Magnussen CG, Fraser B, Kidokoro T, Liu Y, Christensen K, Leong DP, Harvey N; iGRIPS Group. International norms for adult handgrip strength: a systematic review of data on 2.4 million adults aged 20 to 100+ years from 69 countries and regions. Journal of Sport and Health Science. 2025;14:101014.

Ich freue mich über Ihren Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *