Studien zur Chiropraktik #25/1
Die Handgreifkraft (Handgrip Strength, HGS) ist nicht nur ein Maß für die Kraft der Hand- und Unterarmmuskulatur, sondern ein etablierter funktioneller Marker, der in zahlreichen epidemiologischen Studien mit dem allgemeinen Gesundheitszustand und langfristigen klinischen Endpunkten assoziiert ist.
Eine 2026 im British Journal of Sports Medicine veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalysen untersucht die prognostische Bedeutung einfacher Muskelfunktionstests für verschiedene langfristige Gesundheitsindikatoren. Die Ergebnisse unterstreichen das Potenzial standardisierter Kraftmessungen für die klinische Funktionsbeurteilung und Risikostratifizierung.
Für die chiropraktische und muskuloskelettale Versorgung stellt sich dabei die Frage, welchen zusätzlichen Informationswert die Greifkraftmessung bietet, wie ihre Ergebnisse klinisch zu interpretieren sind und wo die Grenzen ihrer prognostischen Aussagekraft liegen.
1. Die Greifkraft als Indikator der allgemeinen Muskelfunktion
Die Handgreifkraft wird üblicherweise mittels eines Handdynamometers quantitativ erfasst. Die Messung ist nicht invasiv, zeitökonomisch und mit vergleichsweise geringem apparativem Aufwand durchführbar. Diese Eigenschaften machen sie sowohl für die klinische Praxis als auch für populationsbasierte Untersuchungen attraktiv.
Obwohl die Greifkraft unmittelbar die isometrische Kraftentwicklung der Hand- und Unterarmmuskulatur abbildet, ist sie in epidemiologischen Untersuchungen auch mit umfassenderen Aspekten der körperlichen Funktion assoziiert. Hierzu zählen die allgemeine Muskelkraft, die körperliche Leistungsfähigkeit, funktionelle Einschränkungen und die gesundheitliche Prognose.
Diese Zusammenhänge sollten allerdings nicht mit einer direkten Messung der gesamten Muskelkraft oder der allgemeinen Gesundheit gleichgesetzt werden. Die Greifkraft ist ein spezifischer funktioneller Parameter, dessen Aussagekraft unter anderem von Alter, Geschlecht, Körpergröße, Komorbiditäten, körperlicher Aktivität und vom Messprotokoll beeinflusst wird.
Ihre klinische Relevanz ergibt sich daher weniger aus ihrer isolierten Betrachtung als vielmehr aus ihrer möglichen Funktion als ergänzender Marker innerhalb einer umfassenden funktionellen und medizinischen Untersuchung.
2. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2026
Die im British Journal of Sports Medicine publizierte Arbeit von Marín-Jiménez und Kollegen untersuchte die prognostische Bedeutung einfacher Muskelfunktionstests im Hinblick auf langfristige gesundheitliche Endpunkte.
Die Autoren identifizierten 155 Studien, von denen 94 in die Metaanalysen einbezogen wurden. Im Mittelpunkt standen die Zusammenhänge zwischen Muskelfunktion und verschiedenen chronischen Erkrankungen sowie funktionellen und psychischen Gesundheitsindikatoren.
Neben der Handgreifkraft wurde unter anderem der Five-Times-Sit-to-Stand-Test berücksichtigt, bei dem die Zeit für fünf aufeinanderfolgende Aufsteh- und Hinsetzbewegungen erfasst wird.
Die Ergebnisse zeigten, dass eine höhere Greifkraft im Vergleich zu einer niedrigeren Greifkraft mit günstigeren Ergebnissen bei mehreren langfristigen Gesundheitsendpunkten assoziiert war.
Zu den untersuchten Bereichen gehörten:
- kardiovaskuläre Erkrankungen
- Typ-2-Diabetes
- muskuloskelettale Erkrankungen beziehungsweise Beeinträchtigungen
- Einschränkungen der Alltagsfunktion
- Angststörungen und Depressionen
- kognitive Beeinträchtigungen und Demenz
- M. Parkinson
Die Ergebnisse erweitern damit die Perspektive auf die Greifkraft: Ihre Bedeutung beschränkt sich in der epidemiologischen Forschung nicht auf die Beurteilung der lokalen Muskelfunktion, sondern umfasst auch Assoziationen mit systemischen Erkrankungen und funktionellen Endpunkten.
Quantitative Ergebnisse
Für den Vergleich zwischen Personen mit hoher und niedriger Greifkraft berichtete die Studie unter anderem folgende relative Unterschiede in den Odds:
| Gesundheitsendpunkt | Relative Verringerung der Odds bei höherer Greifkraft |
| Kardiovaskuläre Erkrankungen | 27 % |
| Typ-2-Diabetes | 21 % |
| Muskuloskelettale Beeinträchtigungen | 35 % |
| Funktionelle Einschränkungen | 43 % |
| Angststörungen | 21 % |
| Depressionen | 30 % |
| Kognitiver Abbau | 43 % |
| Demenz | 38 % |
| M. Parkinson | 47 % |
Diese Angaben beschreiben relative Unterschiede der Odds und nicht unmittelbar relative Risikoreduktionen oder absolute Risikodifferenzen. Die klinische Interpretation setzt daher voraus, die jeweiligen Effektmaße, Referenzgruppen und Konfidenzintervalle zu berücksichtigen.
Darüber hinaus sind die Endpunkte hinsichtlich ihrer Definition, klinischen Bedeutung und zugrunde liegenden Evidenz nicht gleichzusetzen. Die dargestellten Werte sollten deshalb nicht als einheitlicher Beleg für einen kausalen protektiven Effekt höherer Greifkraft interpretiert werden.
3. Prognostischer Marker oder kausaler Einflussfaktor?
Eine zentrale Frage für die klinische Interpretation lautet, ob die Greifkraft selbst einen Einfluss auf die langfristige Gesundheit ausübt oder primär einen Indikator für andere physiologische Prozesse darstellt.
Die vorliegenden epidemiologischen Ergebnisse belegen zunächst Assoziationen. Aus ihnen lässt sich nicht unmittelbar ableiten, dass eine gezielte Steigerung der Handgreifkraft das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Demenz oder andere chronische Erkrankungen reduziert.
Mehrere Erklärungsmodelle sind denkbar:
Erstens: Die Greifkraft als Marker der allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit.
Eine höhere Greifkraft kann mit einer größeren Muskelkraft, höherer körperlicher Aktivität und einem besseren funktionellen Status einhergehen. Sie könnte damit teilweise einen umfassenderen Gesundheitszustand widerspiegeln.
Zweitens: Die Greifkraft als Indikator des biologischen Alterungsprozesses.
Altersassoziierter Muskelabbau, Veränderungen der neuromuskulären Funktion und eine zunehmende Krankheitslast können sich in einer verminderten Greifkraft manifestieren. In diesem Zusammenhang kann die Greifkraft als funktioneller Marker des körperlichen Alterungsprozesses dienen.
Drittens: Reverse Kausalität und Residualkonfundierung.
Chronische Erkrankungen, systemische Entzündungsprozesse, Mangelernährung und reduzierte körperliche Aktivität können die Muskelkraft beeinträchtigen. Eine niedrige Greifkraft kann somit nicht nur einem ungünstigen Gesundheitsverlauf vorausgehen, sondern auch Ausdruck bereits bestehender gesundheitlicher Einschränkungen sein.
Auch nach statistischer Adjustierung für bekannte Einflussfaktoren kann eine residuale Konfundierung nicht ausgeschlossen werden.
Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass eine niedrige Greifkraft als zusätzlicher Hinweis auf einen möglicherweise ungünstigen funktionellen Status verstanden werden kann, nicht jedoch als eigenständiger diagnostischer Nachweis einer bestimmten Erkrankung.
4. Bedeutung für die chiropraktische und muskuloskelettale Versorgung
In der chiropraktischen Praxis werden häufig Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und funktionelle Beeinträchtigungen des neuro-muskuloskelettalen Systems untersucht und behandelt. Eine ergänzende quantitative Erfassung der Muskelkraft kann in geeigneten klinischen Situationen zusätzliche Informationen über die körperliche Funktion liefern.
Die Greifkraftmessung bietet dabei mehrere potenzielle Anwendungsmöglichkeiten:
Objektivierung des funktionellen Status
Im Gegensatz zu einer ausschließlich subjektiven Einschätzung ermöglicht ein Dynamometer die Erfassung eines quantitativen Messwertes. Bei standardisierter Durchführung können wiederholte Messungen zur Dokumentation des zeitlichen Verlaufs beitragen.
Allerdings sollte zwischen einer Messung der Greifkraft und einer umfassenden Beurteilung der allgemeinen Muskelkraft unterschieden werden. Eine unauffällige Greifkraft schließt beispielsweise Defizite der unteren Extremitäten oder der Rumpfmuskulatur nicht aus.
Ergänzung der funktionellen Untersuchung
Bei entsprechenden klinischen Fragestellungen kann die Greifkraftmessung gemeinsam mit anderen Funktionsparametern erhoben werden. Hierzu zählen beispielsweise:
- standardisierte Krafttests der oberen und unteren Extremitäten
- der Five-Times-Sit-to-Stand-Test
- Gehgeschwindigkeit und Gleichgewicht
- funktionelle Einschränkungen im Alltag
- patientenberichtete Beschwerden und Aktivitätslimitationen
Die Auswahl der Untersuchungen sollte sich an der klinischen Fragestellung und den individuellen Voraussetzungen orientieren.
Erkennung auffälliger Funktionsveränderungen
Eine deutlich verminderte oder im Verlauf abnehmende Greifkraft kann Anlass sein, mögliche Ursachen näher zu untersuchen. Hierbei sind unter anderem neurologische Erkrankungen, lokale Beschwerden der Hand, periphere Nervenkompressionen, systemische Erkrankungen und allgemeiner Muskelabbau zu berücksichtigen.
Insbesondere bei neu aufgetretener, ausgeprägter oder asymmetrischer Kraftminderung sollte die Befundkonstellation differenzialdiagnostisch eingeordnet werden.
Die Greifkraftmessung kann damit einen Beitrag zur funktionellen Beurteilung leisten. Sie ersetzt jedoch weder die neurologische Untersuchung noch die weiterführende medizinische Diagnostik bei entsprechendem Verdacht.
5. Methodische Voraussetzungen einer aussagekräftigen Greifkraftmessung
Die klinische Nutzbarkeit hängt wesentlich von der Standardisierung des Messverfahrens ab.
Für eine zuverlässige Interpretation sollten mindestens folgende Faktoren berücksichtigt werden:
Messgerät und Kalibrierung: Es sollte ein geeignetes, funktionsfähiges und entsprechend den Herstellervorgaben überprüftes Dynamometer verwendet werden.
Körperposition: Die Position von Schulter, Ellenbogen und Handgelenk sowie die Körperhaltung sollten einem einheitlichen Messprotokoll entsprechen.
Hand und Versuchszahl: Es sollte dokumentiert werden, welche Hand untersucht wurde, wie viele Versuche durchgeführt wurden und wie der Ergebniswert berechnet wurde.
Instruktion und Motivation: Einheitliche verbale Anweisungen und vergleichbare Testbedingungen reduzieren vermeidbare Unterschiede zwischen Messungen.
Schmerz und lokale Einschränkungen: Schmerzen, Arthrose, Sehnenbeschwerden oder neurologische Einschränkungen der oberen Extremität können das Messergebnis beeinflussen.
Referenzwerte: Die Interpretation sollte alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede sowie gegebenenfalls Körpergröße, Körpergewicht und die jeweilige Referenzpopulation berücksichtigen.
Für die Verlaufskontrolle sollten möglichst dasselbe Messgerät und dasselbe Protokoll verwendet werden. Veränderungen müssen außerdem im Verhältnis zur Messgenauigkeit und zur klinisch relevanten Veränderung beurteilt werden.
Ein einzelner Messwert ohne Kontext erlaubt keine zuverlässige Aussage über den allgemeinen Gesundheitszustand.
6. Klinische Aussagekraft und Grenzen der aktuellen Evidenz
Die systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2026 liefert Hinweise darauf, dass einfache Muskelfunktionstests mit verschiedenen langfristigen Gesundheitsendpunkten assoziiert sind. Daraus ergibt sich ein potenzieller Nutzen für die funktionelle Risikoeinschätzung.
Für die Übertragung in die klinische Praxis sind jedoch mehrere Einschränkungen relevant.
Heterogenität der Studienpopulationen: Alter, Geschlecht, Ausgangsgesundheit und körperliche Aktivität können sich zwischen den eingeschlossenen Kohorten unterscheiden.
Unterschiedliche Messprotokolle: Unterschiede bei Dynamometern, Körperposition, Versuchszahl und Ergebnisdefinition erschweren direkte Vergleiche zwischen Studien.
Unterschiedliche Definitionen der Endpunkte: Nicht alle untersuchten Erkrankungen und funktionellen Einschränkungen werden in sämtlichen Studien identisch definiert oder erfasst.
Begrenzte kausale Aussagekraft: Beobachtungsstudien können zeigen, dass eine niedrige Greifkraft mit einem ungünstigen Gesundheitsverlauf assoziiert ist. Sie können allein jedoch nicht nachweisen, dass die Erhöhung der Greifkraft diesen Verlauf verändert.
Begrenzte diagnostische Spezifität: Eine niedrige Greifkraft kann zahlreiche Ursachen haben. Ohne weitere klinische Informationen lässt sich daraus keine spezifische Diagnose ableiten.
Für die klinische Anwendung ist deshalb entscheidend, die Greifkraft als ergänzenden funktionellen Parameter und nicht als isoliertes Screening- oder Diagnoseinstrument zu betrachten.
7. Konsequenzen für Prävention und klinische Entscheidungsfindung
Die Ergebnisse sprechen dafür, Muskelkraft und körperliche Funktion bei geeigneten Patientengruppen stärker in die ganzheitliche Gesundheitsbeurteilung einzubeziehen.
Dabei sollte die Greifkraftmessung nicht isoliert erfolgen, sondern in ein strukturiertes Vorgehen eingebettet sein:
- Funktionelle Ausgangssituation erfassen: Greifkraft und weitere klinisch relevante Funktionsparameter standardisiert messen.
- Befunde kontextualisieren: Alter, Vorerkrankungen, Aktivitätsniveau, Schmerzen und mögliche neurologische Auffälligkeiten berücksichtigen.
- Auffälligkeiten differenzialdiagnostisch bewerten: Bei unerwartet niedrigen Werten oder einem deutlichen Kraftverlust mögliche Ursachen abklären.
- Verlauf objektivieren: Bei klinischer Relevanz wiederholte Messungen unter vergleichbaren Bedingungen durchführen.
- Interventionen evidenzbasiert auswählen: Bewegungs- und Krafttraining entsprechend den individuellen Voraussetzungen und den etablierten Empfehlungen einsetzen.
Die Greifkraftmessung kann in diesem Rahmen eine kostengünstige Ergänzung der funktionellen Untersuchung sein. Ob ihr routinemäßiger Einsatz in einer bestimmten Versorgungssituation tatsächlich zu besseren klinischen Ergebnissen führt, muss jedoch anhand der jeweiligen Fragestellung und der verfügbaren Evidenz beurteilt werden.
Fazit
Die aktuelle systematische Übersichtsarbeit unterstreicht die prognostische Relevanz einfacher Muskelfunktionstests. Eine höhere Handgreifkraft ist in epidemiologischen Studien mit günstigeren langfristigen Gesundheitsindikatoren assoziiert, darunter kardiovaskuläre Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, funktionelle Einschränkungen und kognitive Endpunkte.
Für die chiropraktische neuro-muskuloskelettale Versorgung ergibt sich daraus ein plausibler Ansatz, die standardisierte Greifkraftmessung bei geeigneten klinischen Fragestellungen als ergänzenden funktionellen Parameter einzusetzen.
Die zentrale klinische Botschaft besteht jedoch nicht darin, dass eine hohe Greifkraft Gesundheit garantiert oder eine niedrige Greifkraft eine Erkrankung beweist. Vielmehr kann die Greifkraft einen zusätzlichen Baustein für die Beurteilung der körperlichen Funktion darstellen.
Entscheidend bleibt die Integration des Messwertes in eine umfassende klinische Untersuchung, die individuelle Risikofaktoren, funktionelle Einschränkungen und die gesamte medizinische Situation berücksichtigt.
Quelle

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