Studien zur Chiropraktik #24
Kann eine chiropraktische Intervention mit Schwerpunkt auf der oberen Halswirbelsäule mit Verbesserungen bei einer Frozen Shoulder einhergehen?
Eine 2012 im Journal of Chiropractic Medicine veröffentlichte retrospektive Fallserie von Murphy et al. untersuchte 50 Patienten mit Frozen-Shoulder-Syndrom. Die berichteten Veränderungen bei Schmerz und Schulterabduktion sind bemerkenswert – werfen aber auch wichtige Fragen zur Interpretation und Evidenz auf.
Studiendesign und Patientenkollektiv
Murphy und Kollegen werteten retrospektiv die Behandlungsakten von 50 konsekutiven Patienten einer privaten chiropraktischen Praxis aus. Die Patienten waren zwischen 40 und 70 Jahre alt; 20 waren männlich und 30 weiblich.
Bei der Erstuntersuchung war die aktive Abduktion der betroffenen Schulter bei allen Patienten auf maximal 90° eingeschränkt. Zwei primäre Endpunkte wurden dokumentiert:
- Schmerzintensität: Numeric Pain Rating Scale (NPRS), von 0 (kein Schmerz) bis 10 (stärkster vorstellbarer Schmerz).
- Aktive Schulterabduktion: Veränderung zwischen Erst- und Abschlussuntersuchung, wobei 180° schmerzfreie Abduktion als vollständige Verbesserung definiert wurden.
Die Messungen erfolgten zu Beginn und bei der abschließenden Evaluation. Die Abduktion wurde mithilfe eines Goniometers durch denselben Untersucher erfasst.
Welche chiropraktische Technik wurde angewendet?
Die untersuchte Behandlung umfasste eine Serie chiropraktischer Manipulationen mit Schwerpunkt auf der zervikalen und thorakalen Wirbelsäule. Ein zentraler Bestandteil war der sogenannte One-to-Zero (OTZ) Tension Adjustment des OTZ-Systems.
Die Technik zielt nach dem Konzept ihrer Entwickler auf eine Dysfunktion im atlanto-okzipitalen Übergang (C0–C1) ab.
Der beschriebene Ablauf bestand aus mehreren Schritten:
- Untersuchung: In Rückenlage wurde der Patient vom Behandler am Kopfende untersucht. Durch visuelle Inspektion und Bewegungspalpation sollte die angenommene Dysfunktion im Bereich C0–C1 lokalisiert werden.
- Spezifischer Skull Glide: Eine definierte Gleitbewegung des Schädels diente dazu, die angenommene Orientierung beziehungsweise Restriktion des atlanto-okzipitalen Übergangs zu bestimmen.
- Manipulation: Anschließend erfolgte ein High-Velocity-Low-Amplitude-Thrust (HVLA) im Bereich C0–C1 in Richtung der maximalen Restriktion. Die im Artikel beschriebene allgemeine Kraftrichtung verlief posterior nach anterior, lateral nach medial und leicht kranial nach kaudal.
- Reevaluation: Nach dem Adjustment wurde die Skull-Glide-Palpation wiederholt, um die angenommene Veränderung der zuvor identifizierten Dysfunktion zu überprüfen.
Wichtig ist die genaue Einordnung: Die Autoren beschreiben eine Behandlungsserie mit Manipulationen der Hals- und Brustwirbelsäule, in die der OTZ Tension Adjustment integriert war. Die Ergebnisse können deshalb nicht ohne Weiteres ausschließlich einem einzelnen C0–C1-Adjustment zugeschrieben werden.
Das zugrunde liegende neuromechanische Modell, nach dem Funktionsstörungen im kraniozervikalen Bereich und eine mögliche Beeinträchtigung des M. trapezius zur Schulterproblematik beitragen könnten, wird von den Autoren als Hypothese diskutiert. Es wurde durch diese Fallserie nicht kausal nachgewiesen.
Wie deutlich waren die Veränderungen?
Die Autoren dokumentierten zwei wesentliche Parameter: die Schmerzintensität und die aktive Schulterabduktion.
1. Schmerzintensität
Die Schmerzintensität wurde anhand einer numerischen Ratingskala von 0 bis 10 erfasst.
- Median zu Behandlungsbeginn: 9 von 10 Punkten
- Median bei der Abschlussuntersuchung: 2 von 10 Punkten
- Veränderung: 7 Punkte auf der Schmerzskala
Das entspricht einer deutlichen Veränderung der dokumentierten Schmerzwerte innerhalb der untersuchten Patientengruppe.
2. Aktive Schulterabduktion
Bei der Erstuntersuchung war die aktive Abduktion bei allen Patienten auf maximal 90 Grad begrenzt.
Die dokumentierten Ergebnisse bei der Abschlussuntersuchung verteilten sich wie folgt:
- 16 Patienten (32 %) erreichten eine vollständige Verbesserung mit 180 Grad schmerzfreier aktiver Abduktion und einem Schmerzscore von 0.
- 25 Patienten (50 %) erreichten eine Verbesserung der Abduktion um 75 bis 90 Prozent.
- 8 Patienten (16 %) erreichten eine Verbesserung um 50 bis 75 Prozent.
- 1 Patient (2 %) zeigte eine Verbesserung von weniger als 50 Prozent.
Diese Ergebnisse beschreiben die Veränderungen, die in den Patientenakten dokumentiert wurden. Sie sind nicht gleichbedeutend mit einem Nachweis, dass die Behandlung diese Verbesserungen verursacht hat.
Wie lange und wie häufig wurde behandelt?
Die mediane Behandlungsdauer betrug 28 Tage, bei einer Spannweite von 11 bis 51 Tagen. Die mediane Anzahl der Behandlungen lag bei sieben Sitzungen; die mediane Behandlungsfrequenz wurde mit acht Terminen pro Monat angegeben.
Die Ergebnisse wurden somit über einen relativ kurzen Behandlungszeitraum erfasst. Aus dieser Studie lässt sich nicht ableiten, ob die Verbesserungen langfristig bestehen blieben.
Kritische wissenschaftliche Einordnung
Für die klinische Diskussion sind mehrere Einschränkungen entscheidend:
1. Keine Kontrollgruppe
Es gab weder eine unbehandelte Kontrollgruppe noch einen Vergleich mit einer anderen Intervention. Daher lässt sich nicht unterscheiden, welcher Anteil der beobachteten Veränderung auf die Behandlung, den natürlichen Verlauf, Begleitfaktoren oder andere Einflüsse zurückzuführen war.
2. Retrospektive Datenerhebung
Die Untersuchung beruhte auf bereits vorhandenen Patientenakten. Die Qualität und Vollständigkeit der Dokumentation können dadurch die Ergebnisse beeinflussen. Zudem wurden konsekutive Patienten aus einer einzelnen Praxis ausgewertet; die Übertragbarkeit auf andere Praxen und Patientengruppen bleibt offen.
3. Mehrere Manipulationen als Behandlungspaket
Da die Patienten eine Serie von Manipulationen mit Schwerpunkt auf Hals- und Brustwirbelsäule erhielten, kann kein isolierter Effekt des OTZ Tension Adjustment bestimmt werden.
4. Begrenzte Nachbeobachtung
Die abschließende Evaluation erfolgte nach einer medianen Behandlungsdauer von vier Wochen. Langfristige Ergebnisse, Rückfälle und die Dauerhaftigkeit der Funktionsverbesserungen wurden damit nicht ausreichend beurteilt.
5. Hypothese und Wirkmechanismus
Die Autoren diskutieren eine mögliche neuromechanische Verbindung zwischen kraniozervikalen Strukturen, dem M. trapezius und der Schulterfunktion. Die Fallserie liefert jedoch keinen Nachweis dafür, dass eine C0–C1-Dysfunktion die Frozen Shoulder verursacht oder dass ihre Korrektur den beobachteten Verlauf erklärt.
Fazit für die chiropraktische Praxis
Die Fallserie von Murphy et al. dokumentiert bei 50 Patienten mit Frozen-Shoulder-Syndrom deutliche Verbesserungen der Schmerzwerte und der aktiven Schulterabduktion nach einer Behandlungsserie, die unter anderem den OTZ Tension Adjustment umfasste. Besonders auffällig sind die mediane Abnahme des NPRS-Wertes von 9 auf 2 und die vollständige Wiederherstellung der schmerzfreien aktiven Abduktion bei 16 Patienten.
Die Ergebnisse sind ein interessanter Ausgangspunkt für weitere Forschung. Sie sollten jedoch nicht als Beleg dafür verstanden werden, dass die spezifische Technik eine Frozen Shoulder wirksam behandelt oder dass ein kraniozervikaler Mechanismus die Erkrankung erklärt.
Für einen belastbaren Wirksamkeitsnachweis wären prospektive kontrollierte Studien mit standardisierten Diagnosen, reproduzierbaren Messungen, geeigneten Vergleichsgruppen und langfristiger Nachbeobachtung erforderlich.
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