Studien zur Chiropraktik #21
Beinlängendifferenz, Beckentorsion und Leg Checking in der Chiropraktik – eine wissenschaftliche Betrachtung
Eine Beinlängendifferenz wird in der chiropraktischen Praxis häufig im Rahmen der Untersuchung des Beckens und des Iliosakralgelenks (ISG) betrachtet. Insbesondere der sogenannte Leg Check oder „Short Leg“-Befund wird verwendet, um mögliche funktionelle Asymmetrien zu beurteilen.
Zunächst stellt sich jedoch die Frage, ob ein scheinbar kürzeres Bein eine anatomische oder eine funktionelle Ursache hat.
Mit genau dieser Fragestellung beschäftigt sich eine interessante Literaturübersicht von Robert Cooperstein und Makani Lew, die 2009 im Journal of Chiropractic Medicine veröffentlicht wurde.
Die Autoren untersuchten den Zusammenhang zwischen anatomischer Beinlängendifferenz und Beckentorsion und kamen dabei zu einem Ergebnis, das für die Interpretation des chiropraktischen „Short Leg“-Befundes besonders relevant ist.
Was ist eine Beinlängendifferenz?
Unter einer Beinlängendifferenz (Leg Length Inequality, LLI bzw. Leg Length Discrepancy, LLD) versteht man einen Längenunterschied zwischen den beiden unteren Extremitäten.
Dabei ist grundsätzlich zwischen zwei Formen zu unterscheiden:
Anatomische Beinlängendifferenz
Bei einer anatomischen Beinlängendifferenz unterscheiden sich die tatsächlichen knöchernen Längen der Beine, entweder im Femur, der Tibia oder beider Knochen.
Ursachen können beispielsweise sein:
- Folgen von Frakturen
- Wachstumsstörungen
- Gelenkveränderungen
- angeborene Unterschiede
Hier liegt also tatsächlich eine strukturelle Differenz vor.
Funktionelle Beinlängendifferenz
Bei einer funktionellen Beinlängendifferenz sind die Knochen dagegen nicht unterschiedlich lang.
Das Bein kann bei einer bestimmten Untersuchung lediglich kürzer oder länger erscheinen.
Mögliche direkte Einflussfaktoren sind beispielsweise:
- Beckenposition
- Gelenkstellung
- Muskelspannung
- Bewegungseinschränkungen
- Fuß- und Sprunggelenksmechanik
- unterschiedliche Belastung der unteren Extremitäten
Diese Unterscheidung ist für die Chiropraktik besonders wichtig, weil ein beim Leg Checking festgestelltes „kurzes Bein“ nicht automatisch eine anatomische Beinverkürzung bedeutet.
Beinlängendifferenz und Beckentorsion: Was untersucht die Studie?
Cooperstein und Lew veröffentlichten 2009 die Arbeit:
„The relationship between pelvic torsion and anatomical leg length inequality: a review of the literature“
Die Autoren wollten wissen, ob eine anatomische Beinlängendifferenz mit einer bestimmten Veränderung der Beckenstellung verbunden ist.
Dabei ging es insbesondere um die Frage, ob eine unterschiedliche anatomische Beinlänge zu einer Rotation beziehungsweise Torsion des Beckens führen kann.
Die Autoren führten eine Literaturrecherche durch und identifizierten insgesamt neun geeignete Primärstudien.
Sieben dieser Untersuchungen verwendeten eine künstlich erzeugte, vorübergehende Beinlängendifferenz, während zwei Studien Personen mit einer natürlich vorhandenen Beinlängendifferenz untersuchten.
Die Studien stammten aus einem Zeitraum von 1936 bis 2004.
Was passiert bei einem anatomisch kürzeren Bein?
Das zentrale Ergebnis der Literaturübersicht ist für die chiropraktische Praxis besonders interessant.
Die ausgewerteten Studien zeigten ein relativ konsistentes Muster:
Auf der Seite des kürzeren Beins tendierte das Ilium zu einer anterioren Rotation.
Auf der Seite des längeren Beins zeigte sich dagegen tendenziell eine posteriore Rotation des Iliums.
Vereinfacht dargestellt:
Kurzes Bein → tendenziell anteriore Iliumrotation
Langes Bein → tendenziell posteriore Iliumrotation
Die Autoren beschreiben außerdem einen dosisabhängigen Zusammenhang: Mit zunehmender Beinlängendifferenz nahm tendenziell auch die beobachtete Beckentorsion zu.
Diese Beobachtung ist deshalb interessant, weil sie mit bestimmten traditionellen Annahmen über das chiropraktische „Short Leg“ nicht übereinstimmt.
Warum ist das für das chiropraktische Leg Checking wichtig?
Das sogenannte Leg Checking wird in verschiedenen chiropraktischen Techniken eingesetzt.
Dabei wird beispielsweise die relative Position Innenknöchel beziehungsweise Fersen beurteilt, um Rückschlüsse auf die Stellung des Beckens oder eine mögliche Dysfunktion des Iliosakralgelenks zu ziehen.
Das Problem:
Ein scheinbar kurzes Bein kann unterschiedliche Ursachen haben.
Wenn beispielsweise ein anatomisch kürzeres rechtes Bein vorhanden ist, kann die daraus resultierende Beckentorsion eine bestimmte Position des rechten Iliums begünstigen.
Wird diese Position anschließend mit einem bestimmten chiropraktischen Untersuchungsmodell interpretiert, besteht die Gefahr, dass Ursache und Kompensation miteinander verwechselt werden.
Genau hier liegt die praktische Bedeutung der Arbeit von Cooperstein und Lew.
Anatomische oder funktionelle Beinlängendifferenz – der entscheidende Unterschied
Bei einem positiven „Short Leg“-Befund sollte deshalb zunächst die Frage gestellt werden:
Handelt es sich um eine echte anatomische Beinlängendifferenz oder um eine funktionelle Asymmetrie?
Das ist keine rein theoretische Frage.
Denn wenn die Beine tatsächlich anatomisch unterschiedlich lang sind, kann die Beckentorsion möglicherweise eine Anpassungsreaktion an die Beinlängendifferenz darstellen.
Die beobachtete Beckenposition wäre dann nicht unbedingt die primäre Ursache der Asymmetrie.
Sie könnte vielmehr eine Kompensation sein.
Das führt zu einem wichtigen Grundsatz für die klinische Untersuchung:
Eine beobachtete Asymmetrie ist nicht automatisch die Ursache eines Problems.
Kann eine Beinlängendifferenz das Becken verändern?
Die Ergebnisse der von Cooperstein und Lew ausgewerteten Studien sprechen dafür, dass eine anatomische Beinlängendifferenz tatsächlich mit Veränderungen der Beckenstellung verbunden sein kann.
Stellen wir uns beispielsweise ein anatomisch kürzeres rechtes Bein vor.
Beim Stehen würde dadurch das Becken tendenziell auf dieser Seite abgesenkt.
Der Körper kann versuchen, diese Asymmetrie über Veränderungen der Stellung des Beckens und anderer Körperregionen zu kompensieren.
Eine solche Kompensation kann wiederum die Position des Iliums verändern.
Damit ergibt sich eine mögliche biomechanische Kette:
Anatomische Beinlängendifferenz
↓
Veränderung der Beckenposition
↓
Beckentorsion
↓
Anpassungen in der gesamten Statik
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass eine Beinlängendifferenz Beschwerden verursacht.
Biomechanische Veränderung und klinisches Symptom sind zwei unterschiedliche Fragestellungen.
Ist ein „Short Leg“ deshalb automatisch eine Beinlängendifferenz?
Nein.
Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Erkenntnisse für die praktische Chiropraktik.
Ein beim Leg Checking beobachtetes kürzeres Bein kann nicht ohne Weiteres mit einer anatomischen Beinverkürzung gleichgesetzt werden.
Ein klinischer „Short Leg“-Befund beschreibt zunächst eine beobachtete Asymmetrie unter bestimmten Untersuchungsbedingungen.
Um eine tatsächliche anatomische Beinlängendifferenz zu diagnostizieren, sind andere Messverfahren besser geeignet.
Die wissenschaftliche Literatur zur Messung von Beinlängendifferenzen unterscheidet deshalb ebenfalls zwischen klinischen Tests und bildgebenden Verfahren.
Was bedeutet das für die Untersuchung des ISG?
Gerade bei Patienten mit vermeintlicher Beinlängendifferenz und ISG-Beschwerden sollte die Befundinterpretation deshalb differenziert erfolgen.
Ein einzelner Test sollte nicht isoliert betrachtet werden.
Sinnvoll ist vielmehr die Kombination verschiedener Informationen:
- Anamnese
- Stand- und Gangbild
- Bewegungsprüfung
- Untersuchung der unteren Extremität
- Untersuchung des Beckens
- Untersuchung des Rumpfes
- Untersuchung der HWS und Kopfgelenke
- funktionelle (neurologische) Tests
- gegebenenfalls objektive Messung der Beinlänge
Dabei sollte immer berücksichtigt werden, dass das Becken keine statische Struktur ist.
Es verändert seine Position abhängig von Belastung, Bewegung und der Stellung der angrenzenden Gelenke.
Was sagt die Studie über die Behandlung?
Hier ist eine wichtige Einschränkung notwendig.
Die Arbeit von Cooperstein und Lew untersucht nicht, ob eine chiropraktische Behandlung eine Beinlängendifferenz korrigiert.
Ebenso untersucht sie nicht, ob eine bestimmte Adjustierung des Iliosakralgelenks Schmerzen reduziert.
Die Arbeit beschäftigt sich vielmehr mit der biomechanischen Beziehung zwischen anatomischer Beinlängendifferenz und Beckentorsion.
Aus den Ergebnissen lässt sich deshalb keine direkte Behandlungsempfehlung ableiten.
Das ist wissenschaftlich wichtig:
Eine biomechanische Assoziation ist nicht automatisch ein Nachweis für die Wirksamkeit einer bestimmten Therapie.
Ist das klassische „Short Leg“-Modell damit widerlegt?
Auch diese Schlussfolgerung wäre zu weitgehend.
Die Studie zeigt nicht, dass sämtliche chiropraktischen Leg-Checking-Verfahren falsch oder klinisch nutzlos sind.
Sie zeigt vielmehr, dass die Interpretation eines Short-Leg-Befundes komplexer ist, als es ein einfaches Ursache-Wirkungs-Modell vermuten lässt.
Insbesondere die Unterscheidung zwischen:
anatomischer Beinlängendifferenz
und
funktioneller Beinlängenasymmetrie
ist entscheidend.
Wer einen Leg Check verwendet, sollte daher genau wissen, was mit dem Test tatsächlich gemessen wird und welche Schlussfolgerungen daraus wissenschaftlich zulässig sind.
Eine wichtige Erkenntnis für die Chiropraktik
Die Arbeit von Cooperstein und Lew liefert damit einen interessanten Perspektivwechsel.
Statt ausschließlich zu fragen:
„Welches Ilium steht falsch?“
kann es sinnvoller sein zu fragen:
„Warum zeigt sich diese Asymmetrie?“
Eine beobachtete Beckentorsion kann beispielsweise selbst eine Kompensation sein.
Das bedeutet:
Nicht jede Asymmetrie muss korrigiert werden.
Entscheidend ist vielmehr, ob die festgestellte Veränderung klinisch relevant ist, reproduzierbar ist und mit den Beschwerden und funktionellen Einschränkungen des Patienten zusammenhängt.
Was bedeutet das für die Praxis?
Für die chiropraktische Untersuchung einer vermeintlichen Beinlängendifferenz lassen sich aus der Literatur einige wichtige Fragen ableiten:
1. Ist das Bein tatsächlich anatomisch kürzer?
Ein „Short Leg“-Befund beantwortet diese Frage nicht automatisch.
2. Ist die Asymmetrie reproduzierbar?
Ein Befund sollte möglichst unter standardisierten Bedingungen überprüft werden.
3. Welche Rolle spielt das Becken?
Die Position des Beckens kann sowohl Ursache als auch Folge einer biomechanischen Anpassung sein.
4. Gibt es einen Zusammenhang mit den Beschwerden?
Eine vorhandene Asymmetrie bedeutet nicht automatisch, dass sie für die Symptome verantwortlich ist.
5. Wie verändert sich der Befund unter Belastung und Bewegung?
Statische und dynamische Untersuchungen können unterschiedliche Informationen liefern.
Fazit: Beinlängendifferenz in der Chiropraktik differenziert betrachten
Die Literaturübersicht von Cooperstein und Lew (2009) liefert einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über Beinlängendifferenz, Beckentorsion und chiropraktisches Leg Checking.
Die ausgewerteten Studien zeigen einen konsistenten Trend:
Bei einer anatomischen Beinlängendifferenz tendiert das Ilium auf der Seite des kürzeren Beins zur anterioren Rotation, während auf der Seite des längeren Beins eher eine posteriore Rotation beobachtet wurde.
Für die Chiropraktik ist vor allem eines entscheidend:
Ein beim Leg Checking festgestelltes „kurzes Bein“ ist nicht automatisch mit einer anatomischen Beinverkürzung gleichzusetzen.
Die Unterscheidung zwischen anatomischer und funktioneller Beinlängendifferenz ist deshalb ein wichtiger Bestandteil einer differenzierten Untersuchung.
Die wissenschaftliche Betrachtung zeigt außerdem, dass eine Beckenasymmetrie nicht zwangsläufig die Ursache eines Problems sein muss. Sie kann ebenso eine Kompensation beziehungsweise Anpassung an eine andere biomechanische Gegebenheit darstellen.
Eine moderne chiropraktische Untersuchung sollte deshalb nicht nur fragen, ob eine Asymmetrie vorhanden ist, sondern vor allem:
Was verursacht sie? Ist sie klinisch relevant? Und welche Bedeutung hat sie für den einzelnen Patienten?
Quelle

Ich freue mich über Ihren Kommentar!