Studien zur Chiropraktik #18/2
Die Berufsgruppenverteilung schwerwiegender unerwünschter Ereignisse und warum der Nenner entscheidend ist
Die Sicherheit zervikaler Interventionen wird in der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion häufig anhand schwerwiegender unerwünschter Ereignisse betrachtet. Die in meinem vorherigen Blogbeitrag Studien zur Chiropraktik #18/1 vom 30.08.2026 besprochene systematische Übersichtsarbeit von Leung et al. liefert hierzu einen umfangreichen Datensatz: 233 Publikationen mit insgesamt 334 beschriebenen Fällen schwerwiegender unerwünschter Ereignisse nach konservativen Interventionen an der Halswirbelsäule.
Ein besonders interessanter Aspekt der Arbeit und damit Grund genug, nochmals auf die Arbeit von Leung et al. einzugehen, ist die Verteilung der Fälle auf die verschiedenen Berufsgruppen:
Dabei zeigt sich zunächst ein auffälliger Befund:
54% der in der Review identifizierten Fälle wurden mit chiropraktischen Behandlungen in Verbindung gebracht.
Auf den ersten Blick könnte diese Zahl zu der Schlussfolgerung verleiten, dass chiropraktische HWS-Behandlungen besonders gefährlich seien.
Eine solche Interpretation wäre jedoch methodisch nicht zulässig.
Denn die entscheidende Frage lautet:
54% von wie vielen Behandlungen?
Genau hier liegt der Unterschied zwischen einer Darstellung von Fallzahlen und einer tatsächlichen Risikoberechnung.
Die 334 Fälle im Überblick
Leung et al. identifizierten insgesamt 334 Fälle von Serious Adverse Events (SAEs).
Die Zuordnung zu den jeweiligen Behandlern stellt sich wie folgt dar:
| Berufsgruppe / Kategorie | Fälle | Anteil |
| Chiropraktoren | 183 | 54% |
| nicht spezifiziert | 35 | 10% |
| Selbstanwendung | 26 | 8% |
| Interdisziplinär | 22 | 7% |
| Akupunkteure / TCM | 16 | 5% |
| nicht-Kliniker | 16 | 5% |
| Osteopathen | 12 | 4% |
| Massagetherapeuten | 9 | 3% |
| medizinische Berufe | 8 | 2% |
| Physiotherapeuten | 7 | 2% |
| Gesamt | 334 | 100% |
Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass Chiropraktoren mit 54% die am häufigsten vertretene Berufsgruppe waren. Gleichzeitig entfielen 46% der Fälle auf andere Gruppen beziehungsweise auf nicht eindeutig zuordbare Kategorien.
Das ist zunächst eine wichtige Information über die Verteilung der publizierten Fälle.
Es ist aber keine Aussage über das relative Risiko pro Behandlung.
Warum 54% nicht bedeutet, dass 54% der HWS-Behandlungen gefährlich sind!
Nehmen wir ein einfaches Beispiel:
Angenommen, es treten bei
- 1.000 chiropraktischen HWS-Behandlungen 1 SAE und
- bei 100 physiotherapeutischen HWS-Behandlungen ebenfalls 1 SAE
auf.
Dann würden 50% der Ereignisse auf Chiropraktoren und 50% auf Physiotherapeuten entfallen.
Das Risiko wäre aber keineswegs identisch.
Bei den Chiropraktoren läge es bei 1/1.000, bei den Physiotherapeuten bei 1/100.
Der entscheidende Faktor ist deshalb der Nenner: die Zahl der tatsächlich durchgeführten Interventionen.
Und genau diesen Nenner liefert die systematische Übersichtsarbeit von Leung et al. nicht.
Die Autoren untersuchten publizierte Fälle schwerwiegender Ereignisse. Sie untersuchten nicht sämtliche HWS-Behandlungen, die während des gleichen Zeitraums durchgeführt wurden.
Damit kann aus den 183 chiropraktischen Fällen keine Komplikationsrate von 183 Fällen pro irgendeiner Zahl von Behandlungen berechnet werden.
Ein zweiter wichtiger Punkt: Chiropraktoren führen sehr viele zervikale HVLA-Manipulationen durch
Bei der Interpretation der 54% sollte deshalb auch die Größe und historische Entwicklung der Chiropraktik berücksichtigt werden.
Eine globale Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2019 identifizierte weltweit rund 103.469 Chiropraktoren in 90 Ländern. Die tatsächliche Verteilung war allerdings ausgesprochen heterogen: Die USA verfügten über den mit Abstand größten Anteil der weltweiten Chiropraktorenpopulation. (Blogpost)
Auch die Zahl der chiropraktischen Behandlungen ist erheblich.
Für die USA wurden beispielsweise allein für Erwachsene zwischen 2007 und 2016 jährlich zwischen rund 96 Millionen und 128 Millionen chiropraktische Besuche ermittelt. (ScienceDirect)
Eine andere Untersuchung aus den USA berichtete bereits für die 1990er Jahre von etwa 192 Millionen chiropraktischen Besuchen pro Jahr. (JAMA Network)
Dabei handelt es sich allerdings um Besuche, nicht um einzelne Justierungen.
Diese Unterscheidung ist wichtig.
Und wie viele HWS-Justierungen wurden weltweit durchgeführt?
Hier beginnt die wissenschaftlich interessante, aber auch schwierige Frage.
Eine seriöse globale Statistik über die Zahl aller jemals durchgeführten chiropraktischen HWS-Justierungen existiert nicht.
Das gilt insbesondere für einen Zeitraum von 99 Jahren.
Die Chiropraktik wird traditionell auf das Jahr 1895 zurückgeführt. (PubMed Central (PMC))
Wenn wir für eine historische Betrachtung die letzten 99 Jahre betrachten, sprechen wir ungefähr über den Zeitraum 1927 bis 2025.
In diesen 99 Jahren haben sich jedoch
- die Zahl der Chiropraktoren,
- die Zahl der Länder, in denen Chiropraktik praktiziert wird,
- die Zahl der Patienten,
- die Zahl der Behandlungen pro Patient,
- die verwendeten Techniken,
- die Dokumentationsqualität
dramatisch verändert.
Eine einfache Multiplikation mit der heutigen Zahl der Chiropraktoren wäre deshalb historisch nicht valide.
Eine exakte Zahl der weltweit durchgeführten HWS-Justierungen über 99 Jahre lässt sich aus der vorhandenen Evidenz nicht seriös berechnen.
Und genau das sollte man in einer wissenschaftlich orientierten Diskussion auch offen sagen.
Eine konservative Modellrechnung
Trotzdem kann man die Größenordnung anhand vorhandener Daten illustrieren.
In den USA wurden zwischen 2007 und 2016 jährlich durchschnittlich etwa 112,6 Millionen chiropraktische Besuche registriert. (ScienceDirect)
Weltweit werden Nackenschmerzen als Grund für chiropraktische Behandlung mit einem Median von etwa 22,5% der Konsultationen angegeben. Gleichzeitig wurde in internationalen Daten bei chiropraktischen Patienten eine Anwendung spinaler Manipulation bei median etwa 79,3% berichtet. (ScienceDirect)
Wenn man diese beiden Größen lediglich als theoretische Modellannahme kombiniert:
112,6 Mio. Besuche × 22,5% × 79,3%
ergibt ungefähr:
20,1 Millionen potenziell zervikal manipulationsbezogene Besuche pro Jahr allein in den USA.
Das ist ausdrücklich keine Zahl tatsächlicher HWS-Justierungen.
Sie soll lediglich zeigen, welche Größenordnung bereits ein einzelner großer Gesundheitsmarkt erreichen kann.
Und selbst diese Rechnung ist konservativ beziehungsweise methodisch unvollständig. Ein chiropraktischer Behandlungstermin beinhaltet i.d.R. mehrere Justierungen verschiedenere Wirbelsäulenabschnitte.
Was passiert, wenn man diese Größenordnung über 99 Jahre betrachtet?
Hier wird die Dimension deutlich.
Würde man – rein hypothetisch – die genannten etwa 20 Millionen zervikal manipulationsbezogenen Behandlungen pro Jahr für 99 Jahre konstant annehmen, ergäben sich:
≈ 2 Milliarden zervikal manipulationsbezogene Behandlungsvorgänge.
Aber:
Diese 2 Milliarden sind keine empirisch ermittelte Zahl.
Sie sind eine Modellrechnung auf Basis heutiger beziehungsweise moderner US-Daten und dürfen nicht als tatsächliche Zahl der weltweit durchgeführten HWS-Justierungen bezeichnet werden.
Tatsächlich wäre eine globale Zahl vermutlich wesentlich höher, wenn man die gesamte Welt und die historische Entwicklung der Chiropraktik berücksichtigt. Gleichzeitig waren die Behandlungshäufigkeiten in den frühen Jahrzehnten der Chiropraktik wesentlich geringer als heute.
Deshalb wäre jede konkrete Zahl für 1927–2025 mit erheblicher Unsicherheit behaftet.
Was bedeutet das nun für die 183 chiropraktischen SAE-Fälle?
Genau hier wird die Diskussion interessant.
Die Review identifizierte:
183 schwerwiegende Ereignisse im Zusammenhang mit chiropraktischen Behandlungen.
Diese Zahl steht einer sehr großen, aber nicht exakt quantifizierbaren Zahl von chiropraktischen Interventionen gegenüber.
Selbst wenn wir lediglich die oben dargestellte theoretische Größenordnung von etwa 2 Milliarden zervikal manipulationsbezogenen Behandlungsvorgängen als Illustration verwenden würden, entsprächen 183 Fälle:
183 / 2.000.000.000 = etwa 0,00000915%
oder ungefähr:
1 berichteter Fall pro 10,9 Millionen Behandlungsvorgänge.
Aber nochmals ganz wichtig:
Das ist keine tatsächliche Komplikationsrate!
Warum?
Weil die 183 Fälle aus einer systematischen Suche nach publizierten Fällen stammen, während die angenommene Zahl von rund 2 Milliarden aus einer Modellrechnung stammt.
Die beiden Zahlen stammen also nicht aus demselben Datensatz.
Man darf daraus deshalb nicht ableiten, dass das Risiko einer schwerwiegenden Komplikation bei einer HWS-Justierung „1 zu 10,9 Millionen“ beträgt.
Dafür wäre eine prospektive Erfassung aller Behandlungen und aller Komplikationen erforderlich.
Der entscheidende Punkt: Publikationshäufigkeit ist nicht Behandlungshäufigkeit
Das ist möglicherweise die wichtigste Botschaft für die Interpretation dieser Studie.
Ein außergewöhnliches Ereignis wird eher publiziert als eine komplikationslose Behandlung.
Wenn ein Chiropraktor beispielsweise 100.000 Patienten ohne schwerwiegendes Ereignis behandelt, entstehen daraus normalerweise keine 100.000 wissenschaftlichen Publikationen.
Tritt hingegen eine seltene schwere Komplikation auf, kann daraus ein Case Report entstehen.
Das führt zu einem erheblichen Publikationsbias.
Die 334 Fälle der Review sind deshalb nicht als repräsentative Stichprobe aller zervikalen Behandlungen zu verstehen.
Sie sind vielmehr eine Sammlung der Fälle, die in der wissenschaftlichen Literatur dokumentiert und durch die Suchstrategie der Autoren identifiziert wurden.
Trotzdem darf man die 183 Fälle nicht relativieren.
Aus dieser methodischen Einschränkung folgt allerdings keineswegs, dass die Fälle bedeutungslos wären.
Im Gegenteil.
Ein schwerwiegendes unerwünschtes Ereignis ist klinisch relevant – auch wenn es extrem selten ist.
Die Arbeit von Leung et al. zeigt beispielsweise, dass von den 334 Fällen:
- 58% vaskulärer Natur waren,
- 25% neurologische Ereignisse betrafen,
- 12% kombiniert vaskulär/neurologisch waren,
- und 5% auf andere schwerwiegende Ereignisse entfielen.
Bei 75% der Fälle war eine HVLA-Manipulation beteiligt.
Gleichzeitig wurden auch schwerwiegende Ereignisse nach anderen Interventionen beschrieben. Unter anderem nach Massage, Mobilisation, Übungen, Akupunktur und vestibulären Untersuchungen.
Die richtige Schlussfolgerung lautet deshalb nicht:
„Chiropraktik ist gefährlich.“
Aber ebenso wenig:
„Es gibt keine relevanten Risiken.“
Die wissenschaftlich angemessene Schlussfolgerung lautet:
Schwerwiegende Ereignisse sind selten, potenziell gravierend und erfordern ein konsequentes klinisches Risikomanagement.
Ein Blick auf die Berufsgruppen
Die Verteilung der Fälle ist dennoch bemerkenswert:
Chiropraktoren: 54%
Alle anderen Kategorien zusammen: 46%
Damit stellen Chiropraktoren in dieser Review die größte einzelne Berufsgruppe dar.
Aber gerade die Kombination dieser Information mit der großen Anzahl chiropraktischer Interventionen zeigt, warum eine reine Prozentbetrachtung irreführend sein kann.
Die entscheidende Forschungsfrage wäre nicht:
„Welcher Berufsgruppe werden die meisten Fälle zugeschrieben?“
Sondern:
„Wie viele schwerwiegende Ereignisse treten pro 100.000 oder 1 Million vergleichbarer Interventionen innerhalb der jeweiligen Berufsgruppe auf?“
Genau diese Frage kann die vorliegende Review nicht beantworten.
Warum diese Unterscheidung für die Chiropraktik wichtig ist.
Wenn eine Berufsgruppe eine sehr große Anzahl bestimmter Interventionen durchführt, ist es statistisch nicht überraschend, dass sie auch einen größeren Anteil der absoluten Ereignisse aufweist.
Das bedeutet nicht automatisch, dass das individuelle Risiko größer ist.
Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag:
Wenn 90% aller Autofahrten mit Fahrzeug A und 10% mit Fahrzeug B stattfinden, werden möglicherweise auch die meisten Unfälle mit Fahrzeug A auftreten.
Daraus kann man aber erst dann auf die Sicherheit der Fahrzeuge schließen, wenn man die Unfallrate pro gefahrenem Kilometer beziehungsweise pro Fahrt kennt.
Genau dieses Prinzip gilt auch für medizinische Interventionen.
Was wäre für die Chiropraktik eine wirklich aussagekräftige Sicherheitskennzahl?
Für die klinische Praxis wären beispielsweise folgende Kennzahlen wesentlich aussagekräftiger:
SAE pro 100.000 HWS-Manipulationen
oder
SAE pro 1 Million HWS–Manipulationen
und idealerweise zusätzlich:
- SAE pro Behandlung,
- SAE pro Patient,
- Art der Intervention,
- Alter und Risikoprofil der Patienten,
- klinische Ausgangssituation,
- Zeitpunkt des Ereignisses,
- Kausalitätsbewertung,
- Schweregrad,
- Outcome.
Eine solche Datenbasis würde eine wesentlich belastbarere Risikobewertung ermöglichen als die reine Verteilung publizierter Fallberichte.
Fazit: Die 54-%-Zahl braucht einen Nenner
Die Zahl 54% ist korrekt und stammt unmittelbar aus der systematischen Übersichtsarbeit von Leung et al.
Von den 334 identifizierten schwerwiegenden Ereignissen wurden 183 mit Chiropraktoren in Verbindung gebracht.
Diese Zahl sollte weder verschwiegen noch dramatisiert werden.
Sie muss in den richtigen wissenschaftlichen Kontext gestellt werden.
Die Chiropraktik ist weltweit eine sehr große Anwendergruppe zervikaler manueller Verfahren. Eine globale Erfassung aller HWS-Justierungen über die vergangenen 99 Jahre existiert jedoch nicht. Deshalb lässt sich auch keine seriöse exakte Komplikationsrate aus den 183 Fällen errechnen.
Was sich dagegen sehr deutlich zeigen lässt, ist das Größenordnungsproblem:
Den wenigen hundert in der Literatur dokumentierten schwerwiegenden Ereignissen steht eine vermutlich enorme Zahl von über Jahrzehnte durchgeführten chiropraktischen Interventionen gegenüber.
Das ist kein Beweis dafür, dass zervikale Manipulation risikofrei ist.
Es zeigt aber sehr deutlich, warum absolute Fallzahlen oder Prozentanteile innerhalb einer Fallserie nicht mit dem individuellen Behandlungsrisiko gleichgesetzt werden dürfen.
Für die Chiropraktik sollte deshalb die entscheidende Frage nicht lauten:
„Wie viele Fälle gab es?“
Sondern:
„Wie häufig tritt ein solches Ereignis pro tatsächlich durchgeführter HWS-Intervention auf – und welche Faktoren erhöhen oder reduzieren dieses Risiko?“
Genau hier liegt eine der wesentlichen Herausforderungen der zukünftigen Sicherheitsforschung.
Primärquelle
Leung B, Treleaven J, Dinsdale A, Marsh L, Thomas L. Serious adverse events associated with conservative physical procedures directed towards the cervical spine: A systematic review. Journal of Bodywork & Movement Therapies. 2025;41:56–77.
(Die Sekundärquellen sind an den entsprechenden Stellen im Text verlinkt.)

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