Studien zur Chiropraktik #17
Die Wirkung chiropraktischer Justierungen wird häufig anhand von Schmerzreduktion, Beweglichkeit oder Lebensqualität beurteilt. Eine im Jahr 2025 in PLoS ONE veröffentlichte randomisierte kontrollierte Studie ging jedoch einen Schritt weiter und untersuchte, ob regelmäßige chiropraktische Justierungen auch messbare Veränderungen verschiedener biologischer Marker im Körper hervorrufen können.
Studiendesign
An der Studie nahmen 106 Erwachsene mit subklinischen Wirbelsäulenbeschwerden teil – also Personen mit wiederkehrenden Beschwerden, die jedoch noch keine ausgeprägten Schmerzen oder Funktionsstörungen entwickelt hatten.
Die Teilnehmer wurden zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt:
- Chiropraktische Justierungen dreimal pro Woche über einen Zeitraum von 12 Wochen (36 Justierungen gesamt)
- Scheinbehandlung (Sham-Behandlung) als Kontrollgruppe
Insgesamt konnten 88 Teilnehmer bis zum Ende der Intervention und 73 Teilnehmer bis zur 16-wöchigen Nachuntersuchung ausgewertet werden. Die Forscher bestimmten zu mehreren Zeitpunkten verschiedene Biomarker aus Blut, Speichel und Haaren.
Welche Biomarker wurden untersucht?
Die Wissenschaftler interessierten sich insbesondere für Marker aus drei Bereichen:
Neuroplastizität
- BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor)
Stressregulation
- Cortisol im Speichel
- Cortisol im Blut
- Cortisol im Haar
Immunsystem und Entzündungsregulation
- Interleukin-6 (IL-6)
- Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α)
- Interferon-gamma (IFN-γ)
- C-reaktives Protein (CRP)
- verschiedene Immunzellpopulationen (CD4, CD8, CD19 und CD56)
Diese Biomarker geben Hinweise darauf, wie das Nervensystem, die Stressachsen und das Immunsystem auf äußere Einflüsse reagieren.
Die wichtigsten Ergebnisse
Nach zwölf Wochen zeigte die Chiropraktik-Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe mehrere statistisch signifikante Veränderungen:
1. Anstieg des BDNF
Der Spiegel des Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF) war höher als in der Kontrollgruppe.
BDNF gilt als wichtiger Wachstumsfaktor des Nervensystems. Er unterstützt Lernprozesse, neuronale Anpassungsfähigkeit und Regeneration. Ein Anstieg könnte darauf hindeuten, dass chiropraktische Behandlungen neuroplastische Prozesse beeinflussen. Allerdings lässt sich aus dieser Studie noch nicht ableiten, welche klinische Bedeutung dieser Biomarker-Anstieg tatsächlich besitzt.
2. Veränderungen bei Entzündungsmarkern
Auch bei einzelnen Entzündungsmarkern fanden sich Unterschiede.
- IL-6 war nach der Behandlung erhöht.
- TNF-α zeigte im Verlauf Hinweise auf eine regulierende Veränderung.
Diese Ergebnisse sollten nicht vorschnell als „mehr“ oder „weniger Entzündung“ interpretiert werden. Zytokine wie IL-6 übernehmen sowohl entzündungsfördernde als auch entzündungshemmende Aufgaben und spielen eine wichtige Rolle bei Anpassungs- und Reparaturprozessen des Körpers. Die Autoren interpretieren die Ergebnisse daher eher als Hinweis auf eine Modulation des Immunsystems als auf eine einfache Entzündungssteigerung oder -hemmung.
3. Stressmarker
Beim Cortisol ergaben sich ebenfalls Veränderungen.
Während sich die Cortisolwerte im Speichel zwischen den Gruppen unterschieden, zeigte das Haarcortisol innerhalb der Chiropraktikgruppe zwar eine Abnahme, diese war jedoch nicht statistisch signifikant.
Die Ergebnisse sprechen deshalb eher für eine mögliche Beeinflussung der Stressregulation als für einen eindeutig nachgewiesenen Stressabbau.
Was bedeuten diese Ergebnisse?
Die Studie liefert interessante Hinweise darauf, dass regelmäßige chiropraktische Behandlungen nicht ausschließlich biomechanische Effekte haben könnten, sondern möglicherweise auch physiologische Anpassungen im Nerven-, Immun- und Hormonsystem auslösen.
Besonders spannend ist dabei der beobachtete Anstieg des BDNF, da dieser Marker in vielen Forschungsgebieten mit neuronaler Anpassungsfähigkeit und Regeneration in Verbindung gebracht wird.
Die Grenzen der Studie
Trotz der interessanten Ergebnisse sollten die Befunde mit wissenschaftlicher Zurückhaltung interpretiert werden.
Zu den wichtigsten Einschränkungen gehören:
- relativ kleine Stichprobe
- deutlicher Teilnehmerverlust bis zur Nachuntersuchung
- Unterschiede im Durchschnittsalter zwischen den Gruppen
- untersucht wurden Personen mit subklinischen Beschwerden und nicht Patienten mit chronischen Erkrankungen
- Biomarkerveränderungen bedeuten nicht automatisch einen nachweisbaren klinischen Nutzen
Die Studie zeigt daher Zusammenhänge, liefert aber noch keinen endgültigen Beweis dafür, dass die gemessenen biologischen Veränderungen direkt für bessere Gesundheit oder weniger Beschwerden verantwortlich sind.
Fazit
Diese randomisierte kontrollierte Studie erweitert unser Verständnis darüber, wie chiropraktische Behandlungen auf den menschlichen Organismus wirken könnten. Neben bekannten Effekten auf Schmerzen und Beweglichkeit fanden die Forscher Veränderungen bei Biomarkern für Neuroplastizität, Stressregulation und Immunfunktion.
Die beobachteten Veränderungen der Biomarker traten nach einem intensiven 12-wöchigen Behandlungsprogramm auf: Die Teilnehmer der Chiropraktik-Gruppe wurden durchschnittlich dreimal pro Woche untersucht und bei Bedarf chiropraktisch behandelt (insgesamt etwa 36 Sitzungen). Die Ergebnisse können daher nicht ohne Weiteres auf niedrigere Behandlungsfrequenzen übertragen werden.
Die Ergebnisse sind wissenschaftlich interessant und unterstützen die Hypothese, dass regelmäßig engmaschige chiropraktische Justierungen komplexe neurophysiologische Prozesse beeinflussen können. Gleichzeitig sind weitere hochwertige Studien notwendig, um die klinische Bedeutung dieser Biomarkerveränderungen besser einordnen zu können.

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