Studien zur Chiropraktik #16
Prämanipulative Vertebrobasilär-Insuffizienz-(VBI)-Tests, wie z.B. der DeKleyn-Test (auch Vertebral-Artery-Test oder Extension-Rotations-Test), gehören seit Jahrzehnten zu den klassischen Sicherheitsuntersuchungen vor HVLA-Manipulationen der (oberen) Halswirbelsäule. Ziel des Tests ist es, durch kombinierte Extension und Rotation der HWS eine mögliche Einschränkung der vertebrobasilären Durchblutung zu provozieren und dadurch Patienten mit einem erhöhten Risiko für vaskuläre Komplikationen zu identifizieren.
Die wissenschaftliche Evidenz der letzten Jahre stellt den diagnostischen Nutzen dieses Tests jedoch zunehmend infrage.
Historischer Hintergrund
Die ursprüngliche Annahme hinter den VBI-Tests war, dass eine maximale Rotation und Extension der Halswirbelsäule die Vertebralarterie mechanisch komprimieren könne. Treten dabei Symptome wie Schwindel, Diplopie, Dysarthrie, Dysphagie, Nystagmus oder andere Zeichen einer vertebrobasilären Ischämie auf, wurde dies als Kontraindikation für manipulative HVLA-Techniken an der Halswirbelsäule interpretiert.
Dieses pathophysiologische Modell gilt heute jedoch als unzureichend.
Die entscheidende systematische Übersichtsarbeit
Die bislang wichtigste Arbeit zur diagnostischen Aussagekraft stammt von Hutting et al. (2013). In ihrer systematischen Übersichtsarbeit wurden sämtliche verfügbaren Studien zur diagnostischen Genauigkeit der prämanipulativen Vertebralarterien-Tests ausgewertet.
Das Ergebnis fiel eindeutig aus:
- Es konnten lediglich vier Studien eingeschlossen werden.
- Alle Studien wiesen erhebliche methodische Schwächen auf.
- Die Sensitivität lag zwischen 0 und 57 %.
- Die Spezifität zwischen 67 und 100 %.
- Auch die Likelihood Ratios zeigten keine klinisch ausreichende Aussagekraft.
Die Autoren kamen deshalb zu dem Schluss, dass prämanipulative Vertebralarterien-Tests keine valide Screeningmethode darstellen und keinen zuverlässigen Beitrag zur Identifikation gefährdeter Patienten leisten.
Warum ist die Sensitivität so problematisch?
Für einen Sicherheitstest ist vor allem eine hohe Sensitivität entscheidend. Nur wenn ein Test einen Großteil der tatsächlich betroffenen Patienten erkennt, eignet er sich zum Ausschluss einer Erkrankung.
VBI-Tests erreichen dieses Ziel nicht.
Eine Sensitivität von teilweise unter 50 % bedeutet, dass zahlreiche Patienten mit einer tatsächlich bestehenden zervikalen Gefäßpathologie einen unauffälligen Testbefund aufweisen können. Ein negativer Test reduziert das Risiko daher nicht in einem klinisch relevanten Ausmaß.
Paradigmenwechsel: Von der Provokation zum Clinical Reasoning
Die internationale IFOMPT (International Federation of Orthopaedic Manipulative Physical Therapists) hat ihre Empfehlungen deshalb grundlegend geändert:
Bereits im ersten Cervical Framework von 2014 wurde betont, dass kein einzelner klinischer Test geeignet ist, eine zervikale arterielle Dysfunktion sicher auszuschließen. Stattdessen wird ein strukturierter Clinical-Reasoning-Prozess empfohlen, der folgende Aspekte berücksichtigt:
- ausführliche Anamnese
- vaskuläre Risikofaktoren
- plötzlich einsetzende Nacken- oder Kopfschmerzen
- neurologische Symptome
- Verlauf der Beschwerden
- differenzialdiagnostische Überlegungen
- Nutzen-Risiko-Abwägung der geplanten Intervention
Das 2020 aktualisierte IFOMPT Framework geht noch einen Schritt weiter und empfiehlt provokative Positions- bzw. Vertebralarterien-Tests ausdrücklich nicht mehr, da ihre prädiktive Aussagekraft nicht ausreichend belegt ist.
Was bedeutet das für die chiropraktische Praxis?
Die aktuelle Evidenz bedeutet nicht, dass Sicherheitsuntersuchungen vor einer HVLA-HWS-Manipulation überflüssig geworden sind. Vielmehr hat sich der Schwerpunkt verändert.
Heute gilt als Best Practice:
- strukturierte vaskuläre Anamnese
- Erkennen typischer Warnsymptome (Red Flags)
- vollständige neurologische Untersuchung
- kontinuierliche klinische Reevaluation
- sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung vor jeder Intervention
VBI-Tests können allenfalls als ergänzende klinische Beobachtung betrachtet werden, sollten jedoch nicht als Entscheidungskriterium für oder gegen eine HVLA-Manipulation der Halswirbelsäule verwendet werden.
Fazit
Die aktuelle Studienlage zeigt konsistent, dass VBI-Tests keine ausreichende diagnostische Genauigkeit besitzen, um eine relevante zervikale Gefäßpathologie sicher auszuschließen. Insbesondere die geringe Sensitivität macht ihn als Screeninginstrument ungeeignet.
Internationale Leitlinien empfehlen daher einen Wechsel von isolierten Provokationstests hin zu einem evidenzbasierten Clinical Reasoning, das Anamnese, neurologische Untersuchung und vaskuläre Risikobeurteilung miteinander kombiniert.
Für moderne Chiropraktik bedeutet dies, dass Patientensicherheit heute weniger von einem einzelnen Test als vielmehr von einer fundierten klinischen Entscheidungsfindung abhängt.
Quellen

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