Schlaganfall und chiropraktische Halswirbelsäulenmanipulation – Was zeigt die systematische Übersichtsarbeit von Chung et al.?

Studien zur Chiropraktik #15

Die Frage, ob chiropraktische Justierungen der Halswirbelsäule einen Schlaganfall verursachen können, gehört seit Jahren zu den meistdiskutierten Themen in der Chiropraktik. Besonders häufig wird dabei auf Einzelfälle verwiesen, in denen nach einer Behandlung eine Dissektion der Halsschlagader oder ein Schlaganfall diagnostiziert wurde.

Doch reichen solche Fallberichte aus, um einen ursächlichen Zusammenhang nachzuweisen?

Mit genau dieser Fragestellung beschäftigte sich die systematische Übersichtsarbeit von Chung et al., veröffentlicht im Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics im Jahr 2015.

Ziel der Studie

Die Autoren wollten zwei zentrale Fragen beantworten:

  1. Wie häufig tritt eine Dissektion der Arteria carotis interna (ICA) nach einer Halswirbelsäulenmanipulation auf?
  2. Gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass chiropraktische Manipulationen das Risiko einer Karotisdissektion erhöhen?

Um diese Fragen zu beantworten, führten sie eine umfassende systematische Literaturrecherche durch.

Die Methodik

Für die Übersichtsarbeit wurden die wichtigsten medizinischen Datenbanken – darunter MEDLINE, CINAHL, EMBASE, AMED und weitere Fachliteraturdatenbanken – nach Studien aus dem Zeitraum von 1970 bis November 2012 durchsucht.

Berücksichtigt werden sollten ausschließlich hochwertige epidemiologische Studien wie:

  • Kohortenstudien
  • Fall-Kontroll-Studien
  • randomisierte klinische Studien

Fallberichte und Fallserien wurden zwar identifiziert, jedoch nicht als geeignete Evidenz zur Beantwortung der Forschungsfrage angesehen.

Das überraschende Ergebnis

Die Recherche ergab zunächst 151 Veröffentlichungen.

Nach Anwendung der wissenschaftlichen Einschlusskriterien blieb jedoch keine einzige Studie übrig, die die eigentliche Fragestellung beantworten konnte.

Die Autoren fanden:

  • keine epidemiologische Studie zur Häufigkeit einer Karotisdissektion nach Halswirbelsäulenmanipulation,
  • keine Studie, die das Risiko einer Karotisdissektion nach chiropraktischer Manipulation mit anderen Behandlungen oder keiner Behandlung verglich,
  • keine belastbare Evidenz, mit der sich ein ursächlicher Zusammenhang bestätigen oder ausschließen ließe.

Dieses Ergebnis ist bemerkenswert: Obwohl das Thema seit Jahren intensiv diskutiert wird, fehlten zum Zeitpunkt der Analyse geeignete Studien für die Arteria carotis interna.

Warum reichen Fallberichte nicht aus?

Einzelne Fallberichte sind wichtig, um auf mögliche seltene Komplikationen aufmerksam zu machen. Sie können Hinweise auf Zusammenhänge liefern und Anlass für weitere Forschung geben.

Sie besitzen jedoch erhebliche methodische Einschränkungen:

  • Es gibt keine Kontrollgruppe.
  • Die tatsächliche Häufigkeit eines Ereignisses kann nicht bestimmt werden.
  • Ein zeitlicher Zusammenhang beweist keine Ursache-Wirkungs-Beziehung.
  • Andere mögliche Ursachen lassen sich häufig nicht sicher ausschließen.

Deshalb gelten Fallberichte in der evidenzbasierten Medizin als niedrige Evidenzstufe und eignen sich nicht, um Kausalität nachzuweisen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Die Autoren betonen ausdrücklich, dass ihre Ergebnisse nicht bedeuten, Halswirbelsäulenmanipulationen seien grundsätzlich risikofrei.

Ebenso wenig liefern die verfügbaren Daten jedoch einen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Manipulationen der Halswirbelsäule eine Karotisdissektion verursachen.

Die wissenschaftlich korrekte Aussage lautet vielmehr:

Für diese Fragestellung fehlten zum Zeitpunkt der Untersuchung geeignete epidemiologische Studien, sodass weder ein Zusammenhang bestätigt noch ausgeschlossen werden konnte.

Gerade in der evidenzbasierten Medizin ist diese Unterscheidung entscheidend. Das Fehlen belastbarer Evidenz ist nicht gleichbedeutend mit einem Beweis für Sicherheit – aber ebenso wenig mit einem Beweis für Gefährlichkeit.

Konsequenzen für verantwortungsvolle Chiropraktik

Unabhängig von der aktuellen Studienlage bleibt eine sorgfältige Patientenauswahl der wichtigste Sicherheitsfaktor.

Vor jeder Behandlung der Halswirbelsäule sollten Chiropraktiker auf Warnzeichen achten, die auf eine bereits bestehende Gefäßdissektion oder andere ernsthafte Erkrankungen hinweisen können. Dazu gehören unter anderem plötzlich auftretende ungewöhnliche Nackenschmerzen, starke Kopfschmerzen, neurologische Ausfälle, Schwindel, Doppelbilder oder Sprachstörungen.

Besteht ein entsprechender Verdacht, ist eine sofortige ärztliche Abklärung angezeigt. Manipulative HVLA-Techniken sind in diesen Fällen kontraindiziert.

Fazit

Die systematische Übersichtsarbeit von Chung et al. liefert einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion. Die Autoren fanden keine geeigneten epidemiologischen Studien, die einen Zusammenhang zwischen Halswirbelsäulenmanipulation und Dissektionen der Arteria carotis interna nachweisen oder widerlegen konnten.

Die häufig zitierte Annahme eines ursächlichen Zusammenhangs stützte sich zum Zeitpunkt der Untersuchung überwiegend auf Fallberichte und Fallserien. Diese können zwar mögliche Risiken aufzeigen, erlauben jedoch keine Aussagen über Ursache und Wirkung.

Für die chiropraktische Praxis bedeutet dies, wissenschaftliche Erkenntnisse differenziert zu kommunizieren, bekannte Warnzeichen ernst zu nehmen und jede Behandlung auf Grundlage einer sorgfältigen Anamnese und klinischen Untersuchung durchzuführen.

Abschließend noch ein fachlicher Hinweis: Diese Arbeit bezieht sich ausschließlich auf Dissektionen der Arteria carotis interna (ICA). Die in der Chiropraktik häufiger diskutierte Vertebralarteriendissektion (VAD) wird darin nicht bewertet, findet jedoch in der bereits hier vorgestellten Studie #14 von Church et al. aus dem Jahre 2016 berücksichtigung.

Quelle

Chung CLR, Côté P, Stern P, L’Espérance G. The Association Between Cervical Spine Manipulation and Carotid Artery Dissection: A Systematic Review of the Literature. Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics. 2015;38(9):672–676. doi:10.1016/j.jmpt.2013.09.005.

KI-Hinweis: Das hier verwendete Titelbild wurde unter der Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz erstellt.

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