Schlaganfall nach chiropraktischen Justierungen – Was sagt die aktuelle Evidenz?

Studien zur Chiropraktik #14

Kaum ein Thema wird in der Chiropraktik so kontrovers diskutiert wie der mögliche Zusammenhang zwischen einer HVLA-Manipulation („Justierung“) der Halswirbelsäule und einem Schlaganfall. Insbesondere in den Medien entsteht häufig der Eindruck, dass chiropraktische Justierungen eine direkte Ursache für Gefäßverletzungen und Schlaganfälle seien. Doch was sagt die wissenschaftliche Evidenz tatsächlich?

Eine der wichtigsten Arbeiten zu diesem Thema ist die systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Church et al. (2016), die den aktuellen Forschungsstand kritisch bewertet.

Hintergrund

Im Mittelpunkt der Diskussion steht die sogenannte zervikale Arteriendissektion. Dabei handelt es sich um einen Einriss der Innenwand einer Halsarterie – meist der Arteria vertebralis oder der Arteria carotis. In seltenen Fällen kann eine solche Dissektion zu einem ischämischen Schlaganfall führen.

Da Betroffene häufig bereits Stunden oder Tage vor dem eigentlichen Schlaganfall unter Nacken- oder Kopfschmerzen leiden können, suchen viele zunächst ihren Hausarzt, Physiotherapeuten oder Chiropraktiker auf. Genau dieser Umstand erschwert die wissenschaftliche Beurteilung eines möglichen ursächlichen Zusammenhangs.

Ziel der Studie

Church und Kollegen wollten untersuchen, ob wissenschaftliche Belege dafür existieren, dass chiropraktische Manipulationen der Halswirbelsäule tatsächlich eine zervikale Arteriendissektion verursachen.

Hierfür führten die Autoren eine systematische Literaturrecherche sowie eine Metaanalyse der verfügbaren Fall-Kontroll-Studien durch.

Die wichtigsten Ergebnisse

Die Autoren sichteten insgesamt 253 wissenschaftliche Veröffentlichungen. Nach strengen Qualitätskriterien konnten lediglich sechs Studien in die Metaanalyse aufgenommen werden.

Die Analyse zeigte zunächst eine schwache statistische Assoziation zwischen chiropraktischer Behandlung und einer später diagnostizierten Arteriendissektion (Odds Ratio 1,74).

Entscheidend ist jedoch die Bewertung dieser Daten:

  • Die Autoren stuften die Gesamtqualität der Evidenz nach dem GRADE-System als „sehr niedrig“ ein.
  • Die eingeschlossenen Studien weisen ein erhebliches Risiko für Verzerrungen (Bias) und sogenannte Confounder auf.
  • Ein kausaler Zusammenhang konnte aus den vorhandenen Daten nicht nachgewiesen werden.

Der sogenannte Confounding-Effekt

Die Autoren halten eine andere Erklärung für wesentlich plausibler: Eine beginnende Arteriendissektion verursacht häufig zunächst:

  • Nackenschmerzen
  • Kopfschmerzen
  • Bewegungseinschränkungen
  • Schwindel

Genau wegen dieser Beschwerden suchen Patienten häufig chiropraktische oder andere medizinische Behandler auf.

Mit anderen Worten: Die Dissektion könnte bereits bestanden haben, bevor überhaupt eine Behandlung durchgeführt wurde. Wird der Schlaganfall anschließend diagnostiziert, entsteht statistisch eine Verbindung zwischen der Behandlung und dem Ereignis, obwohl die eigentliche Ursache bereits vorher vorhanden war.

Dieses Phänomen wird als Reverse Causation beziehungsweise Confounding by Indication bezeichnet und ist in der epidemiologischen Forschung gut bekannt.

Was bedeutet das für die Praxis?

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die derzeitige wissenschaftliche Evidenz keinen überzeugenden Nachweis für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen chiropraktischen HVLA-Halswirbelsäulenmanipulationen und einer zervikalen Arteriendissektion liefert.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Risiken grundsätzlich ausgeschlossen werden können.

Wie bei jeder medizinischen Intervention gilt:

  • Eine sorgfältige Anamnese ist unerlässlich.
  • Warnzeichen einer möglichen Arteriendissektion müssen erkannt werden.
  • Bei Verdacht auf neurologische oder vaskuläre Ursachen ist eine sofortige ärztliche Abklärung erforderlich.
  • Manipulative Techniken dürfen niemals durchgeführt werden, wenn Kontraindikationen vorliegen.

Fazit

Die Arbeit von Church et al. gehört zu den wichtigsten Übersichtsarbeiten zu diesem Thema. Sie zeigt, dass die häufig zitierte Verbindung zwischen chiropraktischen Justierungen und Schlaganfällen wissenschaftlich deutlich komplexer ist, als es in öffentlichen Diskussionen oft dargestellt wird.

Die derzeit verfügbare Evidenz weist zwar auf eine statistische Assoziation hin, liefert jedoch keinen belastbaren Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang. Vielmehr weisen die Autoren darauf hin, dass viele Patienten bereits aufgrund einer beginnenden Arteriendissektion Beschwerden entwickeln und deshalb überhaupt erst eine chiropraktische Behandlung aufsuchen.

Für Chiropraktiker bedeutet dies zweierlei: Einerseits sollte die wissenschaftliche Evidenz sachlich kommuniziert werden, andererseits bleibt eine sorgfältige klinische Untersuchung mit dem Erkennen von Warnsignalen der entscheidende Bestandteil einer verantwortungsvollen Patientenversorgung.

Quelle

Church EW, Sieg EP, Zalatimo O, Hussain NS, Glantz M, Harbaugh RE. Systematic Review and Meta-analysis of Chiropractic Care and Cervical Artery Dissection: No Evidence for Causation. Cureus. 2016;8(2):e498. doi:10.7759/cureus.498.

KI-Hinweis: Das hier verwendete Titelbild wurde unter der Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz erstellt.

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